Der Servitenorden

Geschichte und Spiritualität der Servitenordnung

Pater Bonfilius

Geschichte und Spiritualität der Servitenordnung

Der Servitenorden (Ordo Servorum Mariae) wurde im 13. Jh. in Florenz in Italien von sieben Kaufleuten gegründet. Diese Männer gaben auf Wunsch der Gottesmutter ihren bisherigen Lebensstil auf und wurden die ersten Diener Mariens. Das erste Kloster wurde auf dem Monte Senario bei Florenz gegründet, von wo aus sich der Orden zuerst in Italien, dann in ganz Europa und später weltweit verbreitete. Die Serviten gehören zu den sogenannten Bettelorden und leben nach der Ordensregel des hl. Augustinus. Die Säulen der Spiritualität des Servitenordens sind: Dienen, brüderliche Einheit, Marienliebe und Barmherzigkeit.

  • „Diener des Herrn und der Menschen nach dem Vorbild Mariens“

Dieses Motto der sieben Ordensgründer bildet den zentralen Auftrag des Servitenordens. Besonderer Wert wird im Orden auf die brüderliche Gemeinschaft gelegt.

Die Serviten sehen in ihrem Apostolat die Gestalt Mariens zu Füßen des Kreuzes als ihr Leitbild an. Da der Menschensohn noch immer in seinen Brüdern gekreuzigt wird, wollen die Diener Seiner Mutter mit ihr zu Füßen dieser unzähligen Kreuze stehen, um Trost und erlösende Gnade zu vermitteln.

Im Apostolat lassen sich die Ordensbrüder auch vom Vorbild des leidenden Gottesknechtes inspirieren (vgl. Jes 42,17;49, 1-9;50,4-11;52,13-53,12), der kam, um zu dienen und sein Leben für andere hinzugeben (vgl. Mk 10,45). Er war bei seinen Jüngern „als der, der dient“, mit dieser demutsvollen Haltung Mariens. Maria selbst bezeichnete sich als „Magd des Herrn“, als sie in ihrer Berufung als Mitarbeiterin Gottes am Erlösungsplan zur Menschwerdung Gottes ihr Jawort gab (Lk 1,38).

In ihrer Hingabe an die Liebe Gottes möchten die Serviten Tag für Tag ihr Kreuz auf sich nehmen. Im Bewusstsein, dass ihr Tun einmal nach den Worten Jesu beurteilt werden wird: „Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben … ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet“ (Mt 25,35-36), wollen sie auf ihre eigenen Interessen verzichten, um Jesus in seinem erlösenden Handeln am Menschen nachzuahmen.

  • „Brüderliche Gemeinschaft“

Der Orden geht nicht auf die Persönlichkeit eines Einzelnen zurück, der seine Jünger um sich scharte, sondern auf die brüderliche Gemeinschaft der sieben Gründer. Das ist nicht nur einmalig in der Kirchen- und Ordensgeschichte, sondern erklärt auch den Wert der brüderlichen Liebe und Gemeinschaft im Orden, von der Gründungszeit bis heute.

  • „Marianische Inspiration“

Die Ganzhingabe an die Gottesmutter ist ein weiteres Grundelement der Spiritualität des Servitenordens. Der geistlichen Weg der sieben Ordensgründer ist von Anfang an tief mit Maria verbunden.

Als Serviten, als Diener Mariens, verehren sie Maria besonders als Schmerzensmutter, die am Leben und Erlöserleiden ihres Sohnes auf einzigartige Weise teilgenommen hat.

  • „Barmherzigkeit“

Nach dem Vorbild der Jungfrau Maria, der Mutter der Barmherzigkeit, bemühen sich die Serviten um die barmherzige Liebe, sowohl in ihrer Klosterfamilie, als auch im Umgang mit den ihnen Anvertrauten im Apostolat.

Geschichte des Servitenordens

1233 – Jahr der Ordensgründung in Florenz durch sieben Kaufleute.
1241 – Die sieben lassen sich auf dem Monte Senario bei Florenz nieder (erstes Kloster dieses Ordens).
1250 – Bau der Servitenkirche „Santissima Annunziata“ vor den Toren der Stadt Florenz.
1299 – Es entsteht eine eigene Ordensprovinz in Deutschland mit vier Klöstern.
1304 – Offizielle Bestätigung des Ordens durch Papst Benedikt XI. (Bulle „Dum levamus“).
1310 – Tod des hl. Alexius, des letzten der sieben heiligen Ordensväter.
1360 – In Prag „Na Slupi“ Bau des Klosters mit der Maria-Verkündigungs-Kirche.
1300 – 1400 – Starke Verbreitung des Ordens. Zentren des Ordens sind in Florenz, Siena und Bologna. Gründung der Klöster in Venetien. Die Zahl der deutschen Klöster steigen von neun auf dreizehn an.
1500 – 1600 – Alle deutschen Klöster werden durch die Reformationswirren aufgelöst. In Italien infolge der Reformation allgemeiner Aufschwung des Ordenslebens. Servitentheologen nehmen am Konzil von Trient teil. 1539 entsteht auf dem Monte Senario ein Reformzweig des Ordens, die „Eremiten vom Monte Senario“.
1627 – Neue Klostergründung St. Michael in der Prager Altstadt.
1628 – Die Serviten lassen sich für kurze Zeit am Weissenberg nieder.
1666 – Die Serviten gründen den Konvent in Rabstein mit der Kirche der Schmerzensmutter.
1675 – Gründung des Klosters im Jaroměřice nad Rokytnou mit der Loreto-Kirche.
1677 – Eintreffen der Serviten in Gratzen und Gründung des Servitenklosters St. Peter und Paul.
1700 – Es entstehen Provinzen in Frankreich und Spanien.
1710 – Gründung des Klosters in Králíky in Osttschechien mit der Maria-Himmelfahrts-Kirche.
1714 – Gründung des Klosters in Veselí nad Moravou mit der Schutzengel-Kirche.
1739 – Gründung des letzten Servitenkonvents auf tschechischem Boden in Konojedy bei Leitmeritz mit der Maria-Himmefahrts-Kirche.
18. Jh. – In der ersten Hälfte des Jahrhunderts erleben die Serviten ein großes Aufblühen des Ordenslebens, das leider durch die Reform Kaiser Josefs II. ein Ende findet. Von acht tschechischen Servitenklöstern werden sechs aufgelöst.
19. Jh. – Durch die Säkularisation Napoleons verschwindet der Orden ein zweites Mal aus Deutschland. Es werden neue Klöster in England, Frankreich, Belgien und in den USA gegründet.
1883 – Auflösung des Klosters in Králíky. Die Verwaltung des Wallfahrtsortes auf dem Berg der Muttergottes in Králíky wird dem Redemptoristenorden übertragen.
1886 – Auflösung der tschechischen Servitenprovinz. Das Gratzener Kloster, der letzte Servitenkonvent in den tschechischen Ländern, wird der Tiroler Provinz des Servitenordens einverleibt.
1888 – Heiligsprechung der sieben Gründer des Servitenordens.
1893 – Filipina von Buquoy gründet in Gratzen ein Kinderheim. Die Führung wird dem weiblichen Zweig der Serviten, den sogenannten „Mantelantinnen“, anvertraut.
1950 – Schließung aller Männerklöster in der Tschechoslowakei.
1991 – Wiedereinführung des Servitenordens in der Tschechoslowakei und Erneuerung des Gratzener Konvents.
2006 – Übergabe der Verwaltung des Gratzener Klosters an die Gemeinschaft päpstlichen Rechts „Familie Mariens“.

Heute wirken die Serviten in mehr als 30 Ländern auf allen Kontinenten. In Tschechien, in Dobrá Voda bei Budweis, bei der Kirche der Schmerzensmutter, leben Schwestern der Kongregation Sester Služebnic Panny Marie Galeacké, die auch zur großen geistigen Familie der Serviten gehört. Nähere Informationen über den Servitenorden sind erhältlich über P. Fero Bachorík OSM, den Prior des Servitenklosters in Innsbruck, oder über die Website www.serviten.at.


P. Bonfilius M. Wagner OSM

P. Bonfilius Maria, Geburtsname Franz Wagner, wurde am 27. Juli 1926 in Niederthal bei Gratzen (Údolí u Nových Hradů) geboren. In Gratzen (Nové Hrady) besuchte er die Volks- und Hauptschule und in Gmünd (České Velenice) das Gymnasium. Während des Zweiten Weltkrieges wurde er mit 17 Jahren zum Militär einberufen und an die Ostfront geschickt. Er überlebte die Kämpfe als einer der wenigen seines Bataillons, und es blieb ihm am Ende des Krieges auch wie durch Fügung die Gefangennahme durch die Russen erspart. In dieser Zeit erkannte er seine Berufung zum Priestertum. Deren Verwirklichung war ihm, einem Sudetendeutschen, jedoch in seiner tschechischen Heimat nicht möglich.

Nachdem im Sommer 1948 seine Mutter verstorben war, verließ er mit dem Rest seiner Familie heimlich die Tschechoslowakei und ging nach Österreich. Nach Weihnachten desselben Jahres trat er ins Noviziat des Servitenordens in Innsbruck ein. Hier wurde er im Jahr 1953 zum Priester geweiht und begann seinen apostolischen Dienst, für den er neben der Tiroler Landesauszeichnung auch den Spitznamen „Pfarrer von Tirol“ erhielt. Er war rastlos in seinem Wirken, immer selbstlos, unauffällig und demütig. P. Bonfilius zählte zu den ersten Menschen, denen man frühmorgens auf den Innsbrucker Straßen begegnete, wenn er es eilig hatte, zu Fuß oder auf seinem Fahrrad zu den Kranken zu kommen, um sie aufzumuntern. Er war ein beliebter Beichtvater und Prediger, bei dem nicht nur die ihm anvertrauten Pfarrkinder Trost und Ermutigung fanden, sondern auch Gläubige aus verschiedensten Teilen Österreichs und Deutschlands.

Als sein fruchtbarer priesterlicher Dienst seinen Höhepunkt erreicht hatte und ihm eigentich die „ruhige Lebensphase“ bevorstand, fiel der Eiserne Vorhang. Daraufhin sandte der Prior der Tiroler Provinz des Servitenordens P. Bonfilius nach Gratzen mit dem Auftrag, das völlig verwahrloste Servitenkloster wieder aufzubauen. P. Bonfilius nahm diese anspruchsvolle Aufgabe sowohl mit einer gewissen Sorge als auch mit vertrauensvoller Freude an. Im Alter von 65 Jahren kam er in seine völlig veränderte Heimat zurück. Nur ein paar seiner Altersgenossen, die nicht vertrieben worden waren, kannte er noch.

Nach seiner Ankunft in der neuen Umgebung begann P. Bonfilius als Erstes, die tschechische Sprache zu erlernen, damit er sich mit den Einheimischen verständigen konnte. Gleichzeitig begann er mit der Erneuerung des Gratzener Klosters und der dazugehörigen Kirchen und Kapellen in Gratzen, Reichenau (Rychnov) und Brünnl (Dobrá Voda). Die allerschönste Erneuerung jedoch gelang diesem vorbildlichen Priester durch seine Kunst, die menschlichen Herzen neu zu beleben und für Gott zu gewinnen. Er wusste die Menschen durch seine originelle Offenheit und Freundlichkeit anzusprechen und zu berühren.

In seinem letzten Lebensjahr erkrankte P. Bonfilius schwer, und seine „actio catholica“ wandelte sich mehr und mehr in eine „passio catholica“. Er konnte die ihm anvertrauten Seelen nicht mehr persönlich besuchen. Deshalb legte er seine väterliche Sorge um sie ins Gebet hinein, ebenso wie es Jesus am Kreuz tat.

P. Bonfilius starb am 11. Oktober 2005 und wurde auf dem Gratzener Friedhof beigesetzt.

Gebet

„Bevor ich zu beten anfange, mache ich eine Gewissenserforschung, und zwar nach drei Punkten: Bin ich gut? Ist mein Gebet gut? Ist das, wofür ich bete, für mich gut?“

P. Bonfilius war ein Mann des Gebetes. Seine wichtigste Waffe war das Brevier, das er immer und überall bei sich hatte. Wenn er aus einem dringenden Grund eines der regelmäßigen Tagesgebete nicht verrichten konnte, holte er es dann um Mitternacht nach, auch wenn ihm vor Müdigkeit und Erschöpfung die Augen zufielen.

Nächstenliebe

„Schenken wir dem Menschen immer so viel Liebe, wie er braucht, und nicht so viel, wie er verdient. Je größer der Gauner und Schuft im Menschen ist, desto mehr Liebe braucht er – und der schlechteste Mensch braucht die größte Liebe.“

Die Nächstenliebe war für P. Bonfilius nicht nur ein Gebot, sondern er liebte so selbstverständlich, wie der Mensch atmet. Er machte dabei keine Unterschiede, ob seine Liebe erwidert wurde oder nicht. Geduldig hörte er sich endlose Telefonate sorgenvoller Menschen an. Das Leid der anderen nahm er auf sich und half jedem selbstlos.

Ein guter Mensch

„Der Name ist gut, aber der Bub nicht. Ich bin der größte Sünder in der Stadt.“

Auf ähnliche Weise scherzte er häufig über seinen Ordensnamen Bonfilius – guter Sohn, aus dem Lateinischen filius bonus. Im Himmel – so P. Bonfilius – warten auf uns drei Überraschungen: „Bin ich wirklich im Himmel? Wieso ist er auch hier? Was, sie ist nicht hier?“

Gutes Gemüt

„Jeden Tag bekommt die Mutter von ihren Kindern wie auch vom Vater Brennnesseln. Nur an einem Tag im Jahr, am Muttertag, bekommt sie Blumen. – Und was macht sie mit den Brennnesseln? Sie kocht daraus einen schmackhaften und gesunden Tee.“

Nur sehr wenige Menschen haben P. Bonfilius traurig oder niedergeschlagen gesehen. Auch wenn er auf seinen Schultern die schwere Last trug, das Gratzener Kloster äußerlich und alle ihm anvertrauten Pfarrgemeinden geistig wiederaufzubauen, wusste er seiner Umgebung in jedem Augenblick Optimismus und gute Stimmung zu schenken. Schwierigkeiten und Probleme vermochte er auf wunderbare Weise und mit Gottes Hilfe in Einsatzbereitschaft und Eifer umzuschmelzen, die dann eine reiche Ernte bringen konnten.

Segen

„Da ich noch nicht gut tschechisch sprechen kann, werde ich wenigstens jeden auf Tschechisch grüßen.“

Die komplizierte tschechische Sprache lernte er trotz seines fortgeschrittenen Alters erstaunlich schnell. Sein herzliches und lautes „Grüß Gott!“ „Pozdrav vás Pán Bůh!“, war die natürlichste und wirksamste Art, diese fast schon vergessene, aber schöne Grußform wieder zu beleben. Er grüßte die Menschen sogar vom Auto aus, und die Leute sagten dann: „Ja, P. Bonfilius segnet uns immer von seinem Auto aus.“ Es gibt zahlreiche Zeugnisse, die zeigen, dass sein Segen einem bestimmten Haus oder für eine Arbeit viel Gutes gebracht hat.

Bescheidenheit und Freigebigkeit

„Ich habe alles, was ich brauche. Was ich nicht habe, das brauche ich nicht.“

Um seinen Komfort und um die eigenen Bedürfnisse kümmerte er sich kaum. Obwohl er für sich selbst nichts behielt, gab er den anderen reichlich, sowohl materiell als auch geistig.

Heimat

„Meine Heimat ist im Himmel.“

So beantwortete einmal P. Bonfilius die Frage eines Fernsehreporters, der ihn fragte, ob er sich mehr in Österreich zu Hause fühle, wo er die meiste Zeit seines Lebens verbracht hatte, oder in Tschechien, wo er geboren war. Die Christen haben seiner Meinung nach ein gemeinsames Zuhause, das Reich Gottes. Staatsgrenzen können sich verschieben, Staaten entstehen und gehen unter, und deshalb ist es nicht so wichtig, wo wir gerade leben. An jedem Ort und jeden Augenblick sollen wir hier auf Erden arbeiten, beten und leben, so dass es Gott gefällt.

Fleiß und Einsatzbereitschaft

„Die tschechische Sprache ist eine schöne Sprache. Sie hat sieben Fälle (in der Grammatik), und ich bin der achte!“

Sr. Ladislava, die P. Bonfilius in Tschechisch unterrichtete, sagte gern: „Ich bin sein bestes Schlafmittel.“ Aber trotzdem fand sie, er sei ihr bester Schüler. Oft wenn er spät am Abend nach Hause zurückkehrte, schaltete er die Lichter seines Autos bereits auf der Straße aus, damit die Schwester nicht bemerken konnte, wann er nach Hause kam. Dann ging er sofort zu Bett und schlief im Nu erschöpft ein. Die tschechische Sprache beherrschte er mit der Zeit dennoch so gut, dass er sogar Wortspiele zu bilden vermochte.

Die Gabe des Ansprechens

„Als ich zum Ambo ging, wusste ich noch immer nicht, worüber ich sprechen werde.“

Dies sagte er über eine seiner Predigten, die seine Zuhörer sprachlos machte. In seinen Gedanken und Worten ließ P. Bonfilius sich vom Heiligen Geist inspirieren und führen, und er schöpfte aus der unversiegbaren Quelle des Gebetes. Als er einmal in Lourdes predigte, kam danach ein Franzose auf ihn zu und sagte: „Wissen Sie, ich verstehe kein Deutsch … aber bei Ihnen habe ich alles verstanden!“

Das Licht und die Bremsen

„Einen Radfahrer, der einmal von Brünnl bergab sauste, wollte ein Polizist anhalten und rief: ‚Stopp, Sie haben keine Lichter!‘ Der Radfahrer darauf: ‚Weg, ich habe auch keine Bremsen!‘“

Das Licht des christlichen Glaubens und die Bremsen der Gebote Gottes – das waren Pfeiler seines sicheren Lebenslaufes.

Worauf steht die Welt?

„Das Ende der Welt kommt, wenn der allerletzte Bauer und der allerletzte Ordensmann oder die letzte Ordensfrau sterben werden. Wenn niemand mehr den Boden bebauen wird und es niemanden mehr geben wird, der für die Welt betet.“

In seiner Kindheit und Jugend lernte P. Bonfilius durch die Arbeit in der Landwirtschaft, was es bedeutet, „im Schweiße seines Angesichts das tägliche Brot zu verdienen“. Er wusste jede menschliche Arbeit zu schätzen und konnte selbst dann mit vollem Einsatz arbeiten, wenn alle Mühe hoffnungslos schien. Es erforderte ungemein großen Feuereifer und außerordentlichen Mut, das heruntergekommene Kloster wieder aufzubauen und sich für das Heil der Seelen dort einzusetzen, wo nichts als trostloses geistliches Ödland herrschte.

Kinder

„Wir alle sind Kinder, und wir sind das ganze Leben lang Gottes Kinder, Gott hat uns gern.“

Während seines ganzen Priesterdienstes war P. Bonfilius ständig von Kindern und jungen Menschen umgeben. Auch nach seiner Ankunft in Gratzen bildeten den entscheidenden Anteil seiner Mitarbeiter gerade die Jugendlichen. Durch seine Vitalität und seinen grenzenlosen Humor war P. Bonfilius einfach einer von ihnen. Wenn er ein neugeborenes Kind taufte, hob er das Taufkind mit einem strahlenden Lächeln hoch über seinen Kopf, um es auf diese symbolische Weise Gott darzubringen. Jene Anwesenden, die diese Gewohnheit von P. Bonfilius nicht kannten, erschraken stets, aber die Gläubigen aus seiner Pfarrgemeinde wussten: Das Kind ist in diesem Augenblick in besten Händen.

Bethlehem heute

„Als ich nach dem Autounfall zu Weihnachten im Krankenhaus lag, wurde in unser Zimmer ein Obdachloser in elendem Zustand gebracht. Sofort breitete sich im Raum ein unerträglicher Gestank aus, so dass sich alle abwandten. In diesem Moment ist mir plötzlich aufgegangen: Ja, so ähnlich muss es doch auch damals in Bethlehem gewesen sein. Der Stall war doch kein Hotelzimmer, das nach Seife duftet, oder ein steriler Kreißsaal.“

In jedem Menschen Christus sehen, auch wenn er der Ärmste der Armen wäre! Daran erinnerte uns P. Bonfilius ständig durch sein Leben, und gleichzeitig legte er uns diese innere Haltung ans Herz. Das Gratzener Kloster wurde dank P. Bonfilius oft der letzte Zufluchtsort verzweifelter Menschen, die alles verloren hatten. Er hörte nicht auf die Befürchtungen seiner Mitarbeiter, doch vorsichtiger zu sein, sorgfältiger zu überlegen, wen er aufnahm. Sowohl sein Herz als auch seine Hände waren tatsächlich offen für jeden!

Mater dolorosa

„Sie [Maria] ist uns immer nahe, ebenso wie sie ihrem Sohn nahe war. Daran glaubte schon meine Mutter so tief. Als sie im Sterben lag, sagte sie mir und meinem Bruder: ,Nun habt ihr keine Mama mehr. Von nun an muss sich eine andere Mutter um euch kümmern!‘ Und wir wussten ganz genau, dass sie damit nicht meinte, dass unser Vater nochmals heiraten soll, sondern dass für uns nun unsere Mater dolorosa, die Schmerzensmutter sorgt. Und sie tat und tut es. Und ich bin froh und glücklich!“

Das Vertrauen auf die Fürsprache und den Schutz der Gottesmutter war einer der größten Schätze, die uns P. Bonfilius durch sein Leben verkündete.

Im Namen des Herrn

„Wenn der Richter sagt: ‚… im Namen der Republik …‘, steht ihm die gesamte staatliche Macht zu. Und wenn der Christ sagt: ‚Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes‘, steht ihm Gott selber zu!“

Bei jeder Gelegenheit erinnerte P. Bonfilius die Menschen in seiner Umgebung daran: „Fürchtet euch nicht!“ Jeder Christ hat den mächtigsten Beschützer, Jesus Christus, der uns versprochen hatte: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20). Wenn wir uns ihm vertrauensvoll auf die Fürsprache der Gottesmutter anvertrauen, kann uns nichts auf der ganzen Welt schaden.

Die Serviten

„Also, Jungs, los!“

Mit diesen Worten rief P. Bonfilius jeden Tag alle verstorbenen Serviten-Mitbrüder unter dem Glockenschall zum Stundengebet, da er oft in der Kapelle ganz allein war. Nie legte er sein Ordensgewand ab, jenes Zeichen der Zugehörigkeit zu seiner Ordensgemeinschaft, nicht einmal wenn er schlafen ging, und zwar mit der Begründung: „So bin ich immer bereit zu dienen wie ein guter Soldat, der immer kampfbereit ist!“ Als er nach dem Tod von P. Vittorius der letzte und einzige tschechische Servit war, pflegte er zu sagen: „Es hat auch seinen Vorteil, denn wenn ich irgendwohin komme, ist dort gleich der ganze Gratzener Konvent mit dabei!“

Krankheit

„Was bedeutet es eigentlich, krank, ohnmächtig zu sein? Ohnmächtig – ohne Macht und Kraft sein! Man verfügt über keine Macht und Kraft. Ein kranker Mensch ist deswegen für diese Welt uninteressant, weil er unproduktiv ist. Aber wenn wir die Krankheit im Namen des Herrn annehmen und tragen, sind wir sehr produktiv – für das Reich Gottes natürlich, und zwar sowohl hier als auch im Himmel.“

Die Schmerzen und das Leid ertrug P. Bonfilius beispielhaft für alle Kranken. In allem, was er tat, und ebenso in der Krankheit und der eigenen Ohnmacht am Ende seiner Tage sah er einen tiefen Sinn. Er verzichtete auf Schmerzmittel, damit sein Geist möglichst lange klar blieb und er für seine Nächsten beten konnte. Die Ärzte meinten in seinen letzten Tagen, er lebe nur noch dank seines Willens, sein irdisches Werk zu vollenden und zu übergeben! Trotz aller Schmerzen und all dem Leiden waren seine häufigsten Worte: „Freuen wir uns und jubeln wir!“

Vertrauen

„Wäre Jesus Christus für uns gestorben, wenn er nicht geglaubt hätte, dass er uns durch seine Hingabe hätte erlösen können? Wenn ER uns, den Schwachen und Sündern, so sehr vertraute, umso größeres Vertrauen können wir auf ihn haben!“

Natürlich gab es auch Momente, in denen es schien, sein großes Werk der Mission in Gratzen werde mit seinem Heimgehen ebenfalls enden. Der Servitenorden konnte keine eigenen Kräfte nach Gratzen senden, und die Situation schien hoffnungslos. Nicht aber für P. Bonfilius, der trotz des fortgeschrittenen Stadiums seiner Krankheit unermüdlich arbeitete und vertrauensvoll für die Zukunft seiner Pfarrgemeinden und für die Fortsetzung des Klosterlebens betete! Und tatsächlich, das Wunder geschah! P. Bonfilius durfte in Gratzen, noch bevor er unser Fürsprecher im Himmel wurde, zwei junge Priester und vier Schwestern der Gemeinschaft Familie Mariens willkommen heißen.

Bitte, danke

„Bitte, nehmen Sie was. Vielen Dank für alles!“Wer einmal in der Nähe von P. Bonfilius war, der muss diese Worte von ihm gehört haben. Sein „Bitte, bitte!“ war nie aufdringlich und ließ immer genug Raum und Freiheit für eigenständiges Handeln und Entscheiden. P. Bonfilius dankte in den Momenten, in denen er selber ein Dankeschön hören sollte. Er dankte für das Vertrauen, mit dem die Menschen zu ihm kamen, und er dankte dafür, dass er ihnen helfen und raten konnte, dass er sie aufmuntern und mit Freude beschenken durfte.

Kreuz

„Wenn der Schüler an die Tafel ein Pluszeichen schreiben soll, schreibt er eigentlich ein Kreuz(zeichen). Das größte Plus(zeichen) und der größte Vorteil meines Lebens ist das Kreuz. Wenn wir Musiknoten schreiben und davor ein Kreuz setzen, wird alles plötzlich höher gesungen oder gespielt. Egal was wir denken, sprechen und tun, wenn wir es mit Maria unter dem Kreuz tun, bekommt es immer einen unermesslichen Wert, einen Wert für die Ewigkeit.“

Das Kreuz war das Lebensthema von P. Bonfilius. Der frühe Tod seiner Mutter prägte sein Leben, wie auch die Vertreibung aus der Heimat und später der Verlust seines geliebten Bruders Hans. „Mein Kreuz ist nicht das kleine Stück aus Metall um den Hals, das ist vielmehr meine Mutter, mein Vater, meine Frau oder mein Mann, mein Nachbar oder mein Chef am Arbeitsplatz. Jesus sagt nicht: ‚Lass das (Kreuz) hier liegen, flieh vor deinen Problemen!‘ Sondern er sagt: ‚Verzichte auf dich selber, nimm dein Kreuz an und folge mir nach‘ (vgl. Mt 16,24).“